Erinnerungskultur fördern
(veröffentlicht im Bistumsblatt)
Stolpersteine laden dazu ein, innezuhalten, nachzudenken, Fragen zu stellen und die Vergangenheit auf eine neue Weise zu begreifen. PASSAU. Sie sind nicht unumstritten, die Stolpersteine von Künstler Gunter Demnig, obwohl es sie inzwischen in über 1200 Gemeinden in Deutschland gibt. Während manche sie als „unwürdige Form“ des Gedenkens empfinden, sind sie für andere ein wichtiger Bestandteil der Erinnerungskultur. So auch für Klaus Stanjek, Neffe des homosexuellen Musikers Wilhelm Heckmann, der in Passau verhaftet und deportiert wurde, und für Gabi Dölzer, Enkelin von Adelgunde Dölzer, die von den Nationalsozialisten im Rahmen der „Aktion T4“ ermordet wurde. Beide haben sich sehr gewünscht, dass in Passau mit solch einem Stein an ihre Vorfahren erinnert wird. Bis zur Verlegung war es ein langer Weg. „Als ich das erste Mal über die Stolpersteine nachdachte“, erinnert sich Gabi Dölzer, „habe ich nicht geahnt, was da auf mich zukommt.“ Klaus Stanjek erging es ähnlich. Immer wieder Anfragen, Vertröstungen, Ablehnungen, keine Antwort. Jahre sind vergangen, viele Jahre. Corona mag dabei eine Rolle gespielt haben, vielleicht auch andere Grün-de. Entscheidend ist: Das Durchhalten der beiden und all jener, die sich mit der Zeit ebenfalls für die Steine zu engagieren begannen, wurde belohnt. Nun gibt es sie, die kleinen, glänzenden, ins Pflaster eingelassenen „Erinnerungshelfer“, über die Passanten – natürlich nur im übertragenen Sinn – stolpern, wenn sie in Passau unterwegs sind. Sie sollen die Menschen einerseits dazu einladen, Adelgunde und Willi nicht zu vergessen, andererseits aber auch, Fragen zu stellen, nachzudenken und vielleicht aus dem Schicksal jener Verfolgten auch Lehren für die Zukunft zu ziehen. Die Verlegung der Steine, die Gunter Demnig persönlich vorgenommen hat, fand im kleinen, dabei aber sehr würdevollen Rahmen statt. In der Roßtränke beispielsweise wurde Willi Heckmanns Lieblingslied, „Weiße Chrysanthemen“ gespielt, die entsprechenden Blumen wurden am Stein niedergelegt – ein bewegender Moment für alle, die dabei waren, ein Moment auch, der Vergangenheit greifbar machte, der Willi – über das Akkordeon – sozusagen noch ein letztes Mal eine Stimme gab. Im Anschluss an die Verlegung der Steine fand im Festsaal St. Valentin am Domplatz eine Gedenkfeier statt, an der auch zahlreiche Besucher teilgenommen haben. Es war ei-ne sehr persönliche Feier, vor allem deswegen, weil die Nachfahren der Verfolgten selbst Einblick in das gaben, was ihren Angehörigen wider-fahren ist. Geschichte hautnah, so nah sogar, dass manch einer zu Tränen gerührt war, und zwar auch von denen, die nur als Gäste vor Ort waren und zu keiner der Familien in engerem Kontakt stehen. Neben den Erinnerungsbeiträgen von Gabi Dölzer und Klaus Stanjek war es vor allem der Beitrag von Dr. Winfried Helm zum Thema „Die Erinnerung an die nationalsozialistischen ‚Euthanasie‘-Morde“, der tiefe Betroffenheit schuf. Denn dass es so etwas gegeben hat, das war den meisten im Publikum klar, viele hatten sich auch vorher schon mit dem Thema befasst; aber nicht in welcher Häufigkeit und mit welcher Grausamkeit. Organisiert worden ist die Veranstaltung vom Stadtjugendring Passau in Zusammenarbeit mit der Queerseelsorge des Bistums Passau und der Initiative „Wochen zur Demokratie“. Für das sehr einfühlsam gestaltete musikalische Rahmenprogramm, das wesentlich dazu beitrug, ein würdevolles Gedenken zu ermöglichen, zeichnete die Spielgruppe des 1. Passauer Akkordeonorchesters verantwortlich. Die Patenschaft für den Stein für Adelgunde Dölzer übernimmt die Montessori-Schule in Passau, die Patenschaft für Willi Heckmanns Stein das Auersperg-Gymnasium Freuden-hain. An den Schulen gab es entsprechende Projekte und Arbeitsgruppen. Auch die AG Erinnerungskultur am Gymnasium Leopoldinum hat sich mit den Lebensgeschichten beider Opfer befasst. „Der Stein, der dafür sorgt, dass der Name meines Onkels und sein Schicksal nicht vergessen werden, freut mich“, so Stanjek, „aber die Tatsache, dass so viele junge Menschen in das Projekt eingebunden waren, bedeutet mir eigentlich fast noch mehr. Als Filmemacher übernimmt man eine gesellschaftliche Verantwortung. Man möchte etwas bewirken.“ In diesem Fall sei nicht er derjenige gewesen, der Veränderung initiiert, aber: „Ich bin überzeugt, dass die Beschäftigung mit der Lebensgeschichte von Willi und Adelgunde bei den Jugendlichen etwas bewirken kann, und das ist gut.“ Dr. Barbara Osdarty



















