Calling America

usaHallo!

Seit vier Monaten lebe ich in den USA, im Staat Minnesota, und habe schon einiges an Aufregung hinter mir. Ich sag nur Wahlkampf…

Heute bei minus 15 °Celsius und 20 cm Neuschnee ist hier endlich der Winter angekommen, so wie es zu Weihnachten sein soll. Weiße Weihnachten hatte ich schon länger nicht mehr und werde ich auch dieses Jahr wohl nicht haben, denn meine Gastfamilie möchte nach Florida. Auch nicht schlecht…

Noch sind keine Ferien und so lebe ich den Alltag eines amerikanischen Schülers an der Chanhassen High School. Diese Schule ist ziemlich neu, ist in einem Vorort der Metropole Minneapolis und hat ca. 1500 Schüler.

Meine Gastschwester besucht bereits die Abschlussklasse („senior“) und chauffiert mich und meinen gleichaltrigen Gastbruder jeden Morgen zur Schule. Dort besuche ich als „sophomore“ die 10. Klasse.

Jede Schulwoche beginnt mit dem Treuespruch zur Flagge „I pledge allegiance to the flag oft the United States of America etc.“. Ich spreche natürlich nicht mit, aber alle, die keine amerikanische Staatsbürgerschaft haben, stehen aus Respekt mit auf.

Ein normaler Schultag beginnt um 8.00 Uhr im Klassenzimmer mit „live video announcements“, in denen zwei Schüler die aktuellen Tagesmeldungen verlesen. Dabei geht es z. B. um Besuche von Colleges, die sich den Schülern vorstellen wollen, oder wo welche Tests stattfinden und was man dazu mitbringen darf oder auch Nachrichten über die Leistungen der Schulsportmannschaften. Der Schultag endet immer um 15.00 Uhr und dann fahre ich mit dem typischen gelben amerikanischen Schulbus nach Hause, der fast direkt vor meiner Haustür hält.

Das erste Schulhalbjahr habe ich sieben Fächer belegt, wobei mein Stundenplan fast jeden Tag die gleiche Abfolge hat.
1. Web Page Design: Macht echt Spaß
2. Chemie: Wird hier in der 10. das erste Jahr unterrichtet, also ist für mich viel Wiederholung dabei, nur halt auf Englisch
3. Strength and Performance: das ist eine Stunde Sportunterricht und wir gehen dafür in den Kraftraum
4. Englisch: Grammatik wird hier gar nicht unterrichtet, dafür muss ich viel lesen und dann gibt es zahlreiche Projekte zur jeweiligen Lektüre. Im Moment kämpfe ich mich durch ein 400-Seiten-Buch „Burning Nation“, eine Art Science Fiction, geschrieben von einem Kriegsveteran namens Trent Reedy
Lunch: findet genau in der Mitte des Englischunterrichts statt und dauert ungefähr eine halbe Stunde.
5. United States History: Kann ja nicht schaden, mehr über das Land zu erfahren, in dem man gerade lebt…
6. Nutrition and Food: Ist das, wonach es klingt. Hier kochen wir; bisher fand ich „fried rice with chicken and vegetables“ am besten
7. Mathematik: Der Kurs heißt Pre-Caculus und ist schon eine Herausforderung

Gleich zu Schuljahresanfang habe ich das Probetraining für Fußball bestanden und war die ganze Saison in der Mannschaft. Das hieß, jeden Tag Training nach der Schule bis halb sechs und zahlreiche Turniere spielen. Leider gibt es Fußball nur eine Saison lang im Herbst, dann sind andere Sportarten dran wie Basketball, Baseball, etc. Ich spiele nun für einen Soccer Club außerhalb der Schule. Ansonsten habe ich einmal in der Woche Basketballtraining, ohne in einer Turnier-Mannschaft zu spielen.

Der Umgang mit digitalen Medien ist hier sehr entspannt. Die Schüler nutzen ständig ihr Handy und manchmal sagen die Lehrkräfte: „Jetzt wird’s wichtig, schaltet die Handys aus!“ Ansonsten ist jeder Schüler mit einem „Chromebook“, also eine Art „Laptop“ ausgestattet, mit dem ständig gearbeitet und im Internet recherchiert wird.

Fällt eine Lehrkraft aus, gibt es keine Vertretung, sondern „Flex Times“. Ich kann mich dann irgendwo im Schulgebäude mit meinem Handy oder mit einem Rechner anmelden. So weiß die Schule, wo ich bin, und dann bearbeite ich „assignments“. Bin ich schneller fertig, kann ich die Zeit für mich nutzen, wie ich möchte. Bisher genieße ich mein Schülerleben hier sehr (bis auf das Lesen von 400 Seiten…)

Zurück zum Anfang. Seit meiner Ankunft war der Präsidentschaftswahlkampf ein ständiger Begleiter meines Aufenthaltes. Es war interessant, bisweilen auch amüsant. In der Wahlnacht war ich nicht mehr so amüsiert. Es gibt so einiges, worüber ich nachdenke und noch keine richtigen Antworten finde. Jedenfalls kann man Demokratie sehr unterschiedlich verstehen. Es haben mehr Einzelleute für Hillary Clinton gestimmt und dennoch entsteht im amerikanischen Wahlsystem eine Mehrheit, die nun Trump als Präsidenten bestätigt?

Aus Deutschland habe ich viele Kommentare erhalten, die die Intelligenz der Amerikaner anzweifeln. Ich habe jedenfalls viele Leute kennengelernt, die mehr als nur gesunden Menschenverstand besitzen und dennoch Trump gewählt haben. Ganz so einfach ist es also nicht…

Ich wünsche Euch allen frohe (und auch weiße) Weihnachten und einen guten Start ins Jahr 2017!

Liebe Grüße,
Josef Waldvogel (eigentlich 10d)

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